Die Weihnachtslotterie in Spanien
Die Weihnachtlotterie (Sorteo Extraordinario de Navidad de Lotería Nacional) ist eine der am meisten verbreiteten Traditionen in Spanien. Die Verlosung ist Teil des spanischen Weihnachtsfestes, ihre Geschichte weckt unzählige Erinnerungen, und sie ist ein Symbol der Illusion und des Glücks. Wenn der Dezember kommt sind die Los-Verwaltungen voll mit Personen, die ihre Lose für diese Lotterie kaufen wollen. Es ist ein aufregender Moment, der zu einer Weihnachtstradition geworden ist, der jedes Jahr Tausende von Menschen folgen.
1812 wurde die „Königliche Nationale Lotterie Spaniens“ im November als Institution gegründet und es fand die erste nationale Lottoziehung statt. Sie ist die zweitälteste Lottoziehung der Welt (die Älteste findet seit 1726 in den Niederlanden statt). Verschiedenen Historikern zufolge wurde die spanische Weihnachtslotterie damals ins Leben gerufen, nachdem der Unabhängigkeitskrieg gegen die Franzosen die spanische Staatskasse geleert hatte. Angesichts dieses Szenarios versuchte Spanien, die Staatseinnahmen zu erhöhen, ohne den Bürgern, die bereits hohe Steuern zahlen mussten, zu schaden. Im erstem Jahr betrug der Lospreis 40 Reales (was heute etwa sechs Cent entspricht) und die Gewinnausschüttung des „Gordo“ 8.000 Pesos fuertes (heute knapp 50 Euro). Seitdem wird sie ununterbrochen durchgeführt und wurde noch nie abgesagt, nicht einmal während des Spanischen Bürgerkriegs. 1938 fanden sogar zwei Ziehungen statt, eine für die nationale Seite in Burgos und eine für die republikanische Seite in Barcelona.
Die ersten Gewinnzahlen wurden auf Papier gedruckt, und erst 1913 wurde das heutige System mit Trommeln und Holzkugeln eingeführt. 1957 fand die erste im Fernsehen übertragene Auslosung statt. Bis dahin hatte man sie im Radio gehört oder in der Presse nachlesen können. 1974 wurden die Ziehungen der Nationallotterie auf Computer umgestellt. Die Kinder der Schule San Ildefonso sind für die Ziehung der Glückszahlen zuständig. Das Colegio de San Ildefonso kann auf eine lange Tradition zurückblicken, da die Kinder dieser Schule seit 1871 mit dem Singen der Zahlen für die Ziehung der Nationallotterie betraut wurden. 1984 nahmen zum ersten Mal in der Geschichte der Lotterie Mädchen an der Ziehung teil, da das Colegio de San Ildefonso zur koedukativen Schule wurde. Alle Kinder hoffen, dass sie die Zahlen in den Händen halten, die auf den Hauptgewinn fallen. Sie sind wahrscheinlich die am meisten erwarteten Kinder der Weihnachtsverlosung, sie werden auch „Glückskinder“ genannt.
Die erste Ziehung in Euro fand im Jahr 2002 statt. Die Ziehung dauerte 9 Minuten kürzer, da die Kinder von San Ildefonso weniger Zeit brauchen, um „1.000 Euro“ (mil euros) zu singen als die alten „150.000 Pesetas“ (ciento cincuenta mil pesetas).
Die Weihnachtsauslosung besteht aus vier Phasen, die immer gleich ablaufen: Am 21. Dezember, dem Tag vor der Ziehung, werden die Kugeln mit den Zahlen und Preisen für die Weihnachtsziehung öffentlich geprüft und gezählt. Die Kugeln bestehen aus Buchsbaum, einem leichten und widerstandsfähigen Holz. Das Gewicht der Kugeln ist bei allen exakt gleich, und die Zahlen sind mit einem Laser eingraviert, um Gewichtsunterschiede aufgrund des Farbauftrags auf den Kugeln zu vermeiden. Danach wird der Saal, der sich – aufgrund des zahlreichen Publikums – seit 2012 im Teatro Real (Königliches Theater) in Madrid befindet, geräumt und alle Zugänge zum Saal werden mit Schlössern gesichert, wobei die Schlüssel von drei verschiedenen Schlüsselinhabern verwahrt werden.
Die feierliche Auslosung findet am 22. Dezember statt. Um 8.00 Uhr morgens wird der Raum geöffnet, und die Zuschauer werden bis zum Erreichen der vollen Kapazität eingelassen. Um 8.30 Uhr bildet sich das Präsidium und gibt die Auslosung frei. Die Kugeln können mit vorheriger Genehmigung des Präsidenten von den Anwesenden überprüft werden, die kontrollieren möchten, ob ihre gekauften Nummern unter den Kugeln sind. Die Kugeln werden dann mechanisch aus dem Trichter, in dem sie zuvor deponiert wurden, in die Trommel befördert: eine Trommel für die Ziehung der Gewinnzahlen und eine weitere für die Ziehung der Preise.
Zum Schluss werden die Trommeln geschlossen und auf das Signal des Präsidenten gleichzeitig auf den Kopf gestellt. Ein Kind der San-Ildefonso-Schule nimmt eine Kugel aus der Zahlentrommel und ein anderes Kind aus der Preistrommel, und sie singen gleichzeitig die Zahlen, während sie die Kugeln in die Drähte einer Schatulle stecken. Jede Schachtel wird, wenn sie voll ist, zweihundert Kugeln enthalten und wird vor dem präsidierenden Tisch, mit Zustimmung des Präsidenten und des Rechnungsprüfers, geschlossen. Die vier Kinder, die an dieser Runde teilgenommen haben, werden durch vier andere ersetzt, und der Vorgang wird wiederholt. Die Ziehung der Weihnachtslotterie ist beendet, wenn sich keine Kugeln mehr in den Lostrommeln befinden.
Die zweitälteste Lotterie der Welt
Ein Team von mehr als vierzig Personen ermöglicht es, die Liste der Preise für die Verlosung und die Städte, in der die Preise gewonnen wurden, mit Hilfe eines computergestützten und in allen Aspekten kontrollierten Verfahrens zu erhalten. Auf diese Weise kann die Datei mit den Nummern und Preisen etwa 45 Minuten nach Ende der Ziehung zu ihrer Überprüfung an die Nationale Münze (Fábrica Nacional de Moneda y Timbre) geschickt werden, die für den Druck der offiziellen Liste zuständig ist. Diese Liste wird veröffentlicht und am Nachmittag des 22. an die Lotterieverwaltungen und die Medien verteilt. Die Schatullen mit den Gewinnzahlen sind sieben Tage lang für die Öffentlichkeit zur Überprüfung zugänglich. Dann werden sie geöffnet, die Kugeln werden erneut gezählt und geprüft und sind bereit für eine weitere Ziehung.
Heute gibt der Spanier durchschnittlich 66,16 Euro pro Person für die Weihnachtslose aus, wobei der Aberglauben beim Kauf der Lose eine wichtige Rolle spielt. Käufer der Weihnachtlotterie neigen dazu, Zahlen zu kaufen, die mit wichtigen Daten in ihrem Leben verbunden sind. Manchmal, wenn eine Ziffer, eine Zehn oder eine Zahl uns bei früheren Ziehungen Glück gebracht hat, werden sie wieder in der gleichen Losstelle gekauft. Nicht zu vergessen sind auch die Abonnenten, die jahrelang dieselbe Nummer kaufen: manche glauben, dass sie gewinnen würden, wenn sie aufhören, sie zu kaufen. Einige Bräuche besagen, dass man mit dem linken Fuß in die Verwaltung oder das Büro gehen muss, in dem man das Los kauft. Andere abergläubischsten Menschen wollen, dass der Lotterieverkäufer ihnen den Schein, den sie kaufen, mit der rechten Hand aushändigt. Manche glauben auch, dass es bei einer langen Warteschlange ratsam ist, an ungeraden Tagen links vom Eingang zu stehen und an geraden Tagen rechts, um beim Kauf des Lottoscheins mehr Glück zu haben. Wiederum andere meinen, dass sich die Gewinnchancen erhöhen, wenn man den Lottoschein auf dem Rücken einer schwarzen Katze reibt. Andere hingegen sagen, dass man den „Gordo“ auf dem Rücken eines Buckligen oder auf dem Bauch einer schwangeren Frau reiben sollte, um zu gewinnen. Manche abergläubische Menschen glauben auch, dass sie mehr Glück haben, wenn ihnen am Tag vor der Ziehung ein Glas oder ein Teller aus der Hand fällt, nach dem Motto „Scherben bringen Glück“. In Gebieten, in denen es zu Naturkatastrophen, Unfällen oder Anschlägen gekommen ist, steigt die Zahl der Verkäufe, weil die Menschen glauben, dass sie nach einem Unglück durch Glück entschädigt werden. Man sagt auch, dass diese Ziehung „die Lotterie der Gesundheit“ ist, denn wenn man ein Los kauft und nichts gewinnt, so ist man wenigstens gesund. Wenn in einem Jahr der Hauptgewinn „El Gordo“ in einer Verwaltung oder einer Einrichtung gezogen wird, kommen die Menschen im folgenden Jahr in Scharen, um dort zu kaufen, weil sie glauben, dass sich das Glück dort wiederholt.
Seit 2011 beträgt der Hauptgewinn vier Millionen Euro pro Los, vierhunderttausend Euro pro „Décimo“ (ein Zehntel-Los). Im Jahr 2012 war die spanische Wirtschaftslage mehr als gefährdet und Spanien musste die Rettung der Banken durch Europa akzeptieren. Zu einer Zeit, als zusätzliche Einnahmen benötigt wurden, um die Ungleichgewichte in der spanischen Wirtschaft zu korrigieren, kam der damalige Finanzminister Cristóbal Montoro auf die Idee, dass die Besteuerung von Lotteriegewinnen zum ersten Mal in der Geschichte ein Weg sein könnte, dies zu erreichen. Das Gesetz trat am 1. Januar 2013 in Kraft, und ab diesem Jahr wurden Lotteriegewinne über 40.000 Euro mit einer Steuer von 20 % belegt. Heute gibt es Versicherungspolicen, die diese Steuern abdecken. Diese Versicherungen bestehen, wie alle Versicherungen, in der Zahlung einer Prämie, und wenn die versicherte Zahl mit einem steuerpflichtigen Gewinn übereinstimmt, erstattet die Versicherungsgesellschaft das Steuergeld. Diese müssen allerdings in der Einkommenssteuererklärung des folgenden Jahres angegeben und versteuert werden.
Die Gesamtzahl der Lose für die Ziehung wird in Serien, Lose und Zehntel aufgeteilt. Bis 2022 wurden einhundertachtzig Serien gedruckt, die jeweils aus einhunderttausend Losen bestehen, eines von jeder Nummer. Die Lose, die zweihundert Euro kosten, sind in Zehntel-Lose von zwanzig Euro unterteilt. Im Jahr 2023 stieg die Zahl der Serien auf 185. Es gibt eine weitere Unterteilung der Zehntel-Lose, die als Anteillos (Participación) bezeichnet wird. Dabei handelt es sich um Lotteriescheine, die von einer anderen Organisation als der Staatlichen Lotterie ausgestellt wurden und einen geringeren Wert als ein Zehntel-Los haben.
Spaniens Weihnachten beginnt im Juli
2011 war das erste Jahr, in dem alle 100.000 Zahlen (von 00000 bis 99999) teilnahmen. Bei einer Anzahl von 180 Serien belief sich die Ausgabe auf 3,6 Milliarden Euro, wovon 70 % auf die Preise entfielen, d. h. 2,52 Milliarden Euro. Die restlichen 30 % wurden für die Zahlung von Provisionen an die Verkaufsstellen (3,70 %), für Verwaltungskosten und für die Staatskasse (etwa 22 %) verwendet.
Der Verkaufszeitraum für diese Ziehung ist der längste des Jahres, da die Verwaltungen die Zahlen in den ersten Juliwochen erhalten. Sie ist die wichtigste und beliebteste aller Lottoziehungen in Spanien, die fast die Hälfte des Jahresumsatzes der staatlichen Organisation „Loterías y Apuestas del Estado“ ausmacht.
Der Hauptpreis liegt bei 4 Millionen Euro, aber es gibt auch Hunderte von kleineren Preisen zu gewinnen. „El Gordo de Navidad“ ist der Name des Hauptgewinns der Weihnachtslotterie, bei der pro Zehntel-Los 400.000 Euro ausgeschüttet werden. Der zweite Preis ist mit 125.000 Euro pro Zehntel-Los dotiert, der dritte Preis mit 50.000 Euro pro Zehntel-Los, zwei vierte Preise mit 20.000 Euro pro Zehntel-Los, acht fünfte Preise mit 6.000 Euro pro Los und 100 Euro für die „Pedrea“ (kleine Preise der Nationallotterie, die die Kinder von San Ildefonso mit ihrem traditionellen „Mil Euros“ (Tausend Euro) singen. Aber woher kommt dieser Spitzname? Es gibt mehrere Versionen, aber die am weitesten verbreitete ist, dass er auf die Erhöhung des Wertes des Hauptgewinns im Jahr 1897 von 150.000 auf 300.000 Peseten zurückzuführen ist. Dies war ein großer Sprung, und die Leute begannen, ihn „Gordo“ (der Dicke) zu nennen. Seitdem ist der Gordo immer weiter gewachsen und hat sich zu einem Symbol der Weihnachtslotterie entwickelt. Es gibt aber auch eine andere Theorie, die mit einer Figur zu tun hat, die die Ziehung ankündigte. Diese Figur, die für die Weihnachtslotterie warb, war im Volksmund als „Der Glückszwerg“ oder „Der Lotterie-Fanatiker“ bekannt, aber aufgrund seiner Kleidung, die mit Zahlen von Endungen der Losnummern bedeckt war und einem Anzug mit Kugeln aus dem Jackpot, prägten die Leute schließlich den Begriff „Gordo“, um sich auf die Figur und im Laufe der Zeit auch auf den großen Gewinn der Weihnachtslotterie-Ziehung zu beziehen.
In Spanien ist es zur Tradition geworden, die außerordentliche Weihnachtslotterie-Ziehung während der Winterwerbung zu promovieren, die wiederum in andere für diese Jahreszeit charakteristische Werbungen wie Cava (spanischer Sekt) oder Turrón (typische Weihnachtssüssigkeit) eingebettet ist. Es gibt auch eine Sommerkampagne, die darauf abzielt, Urlauber zu ermutigen, ein Lotterielos an dem Ort zu kaufen, an dem sie ihren Urlaub verbringen, auch wenn sie in geringerem Maße auf Fernsehwerbung basiert. Im Bereich der Werbung haben die Werbespots mit der Figur eines kahlköpfigen Lottomanns große Medienrelevanz erlangt. Diese weihnachtliche Figur, gespielt vom britischen Schauspieler Clive Arrindell, wurde in Spanien zu einer Ikone, nachdem sie von 1998 bis 2005 ununterbrochen in der Winterwerbung der spanischen Nationallotterie auftrat. Die Figur selbst repräsentierte den Geist und das Glück von Weihnachten. Seine charakteristischen Merkmale sind seine Glatze, seine schwarze Kleidung, sein Erscheinen in der Werbung begleitet von der Musik des Films Doktor Schiwago und das abschließende Blasen der Glückszahlen von seiner Hand zusammen mit dem Satz „Möge das Glück mit dir sein!“ Die Wirkung seiner Figur war so groß, dass er ab 2006 aus der Werbung gestrichen wurde, mit der Begründung der Lotterieverwaltung, dass seine Figur die Marke, d. h. die Lottoziehung selbst, überschattete. Er wurde noch vier weitere Jahre lang bezahlt – er hatte einen Vertrag bis 2009 -, aber ohne die Werbung durchzuführen. Seine Teilnahme führte dazu, dass der Verkauf von Weihnachtslotterielosen um durchschnittlich 11 % gestiegen ist.
Die zweitwichtigste Ziehung nach dieser Weihnachtlotterie ist die des „Sorteo Extraordinario de El Niño“ (Ausserordentliche Ziehung des Kindes), die jedes Jahr am 6. Januar, dem Dreikönigsfest, stattfindet. Jedes Jahr beendet die Lotería del Niño die Weihnachtsferien und damit die Weihnachtszeit. Der Hauptgewinn heißt ebenfalls El Gordo (obwohl er weniger populär ist als die Weihnachtsziehung) und ist mit zwei Millionen Euro pro Los dotiert (200.000 Euro pro Zehntel-Los). Neben dem Hauptgewinn werden aber auch Preise vergeben, die eine gewisse Nähe zu den Hauptgewinnzahlen haben, sowie an die, die in einem Teil ihrer Endungen übereinstimmen.
Die Verkaufsfrist für diese Ziehung läuft von Anfang November bis zum Tag vor der Ziehung. Es ist Tradition, die Gewinnerlose der Weihnachtslotterie gegen neue Lose für „El Niño“ einzutauschen.
Die Ziehung findet im Saal der Staatlichen Lotterie- und Glücksspielgesellschaft (Sociedad Estatal de Loterías y Apuestas del Estado) am Dreikönigstag statt. 2024 schüttete die Gesellschaft bis zu 770 Millionen Euro an Preisen aus.
Es besteht kein Zweifel daran, dass es diese Ziehungen schon vor diesen Jahren gab und dass sie im Volksmund als solche bekannt waren, vielleicht wegen der Nähe des Dreikönigstages des Herrn oder der Anbetung des Kindes durch die Heiligen Drei Könige des Ostens.
Obwohl der Ursprung des „Sorteo de El Niño“ ungewiss ist, gibt es Untersuchungen, die darauf hindeuten, dass die Urheberin María del Carmen Josefa Victoriana Hernández y Espinosa de los Monteros (Herzogin von Santoña) war, die eine Lotterie veranstaltete, die unter dem Namen ‚Rifa Nacional del Niño‘ (Nationale Kinder-Tombola) bekannt war. Das Ziel dieser Lotterie war es, Geld für den Bau eines Kinderkrankenhauses zu sammeln. Im Jahr 1877 wurde sie von König Alfonso XII. von der Zahlung der 4% Steuer befreit, die damals von allen Lotterien an die Staatskasse abgeführt werden musste. Im Jahr 1941 wurde sie verstaatlicht und wurde zur zweitwichtigsten Ziehung der Nationallotterie, eine Ziehung mit eigener Persönlichkeit und eigenem Namen. Ab 1966 wurde der Name „El Niño“ eingeführt.